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“Stabat mater” mit Schmerz und Schmelz

OVB vom 11.04.2019:

Der Tenor Roman Payer wartet auf seinen Einsatz. Janka Janka© OVB

Rosenheim/Kiefersfelden – Das „Stabat Mater“ von Joseph Haydn ist zwar unbekannter als das von Pergolesi, übertrifft es aber weit an Umfang und Instrumentierung und ist bis zum „Stabat mater“ von Antonin Dvorák das umfangreichste. Die Innphilharmonie Rosenheim hat dieses Passionswerk in zwei Kirchen aufgeführt, in der Rosenheimer Hedwigskirche und – dem namengebenden Inn flussaufwärts folgend – in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kiefersfelden. Die Leitung hatte Johannes X. Schachtner, weil Thomas J. Mandl beruflich in Paris weilte.

Doch vor und nach dem großen Oratorium gab es zwei Motetten von Johann Michael Bach, einem Großonkel Johann Sebastians aus der Arnstädter Bach-Linie, dessen Tochter Maria Barbara der berühmte Bach heiratete. „Unser Leben währet siebenzig Jahr“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ ließ Schachtner zurückhaltend-sanft und eindringlich leise vom Chor singen, vom Orchester begleitet: eine kontemplative Einstimmung und Abrundung des Konzertes.

Haydns „Stabat mater“ lebt vor allem vom leidenschaftlich-expressiven Orchesterklang. Schachtner wählte zügig voranschreitende Tempi und modellierte da mit dem bestens aufspielenden Orchester der Innphilharmonie plastisch und nachdrücklich das ganze Arsenal an musikalisch-rhetorischen Leidens-Stilmitteln heraus, alle Streicher-Seufzer und hochlodernde Höllenflammen, das bebende Rumoren im Bass, die fast heulenden chromatischen Durchgänge, die schroffen Forte-Einwürfe und das melodisches Klagen der tonschön blasenden Oboen und des Englischhorns.

Der sehr gut einstudierte Chor klagte kraft- und leidensvoll, Schachtner ließ bei der Beschreibung, wie der Schmerz einem Schwert gleich Mariens Seele durchbohrt („pertransivit gladium“) den Chor plötzlich im Forte gleichsam aufstöhnen und -schreien: ein tief beeindruckender Effekt..

IHaydns „Stabat mater“ lebt aber auch von den großen Solo-Arien, die durchweg große Stimmen erfordern. Alle vier Solisten hatten sie: Der Tenor Roman Payer (ein ehemaliger Wiener Sängerknabe) glänzte mit lyrischem Schmelz und Schmerz und zeigte sich den hochdramatischen Ausbrüchen höhensicher gewachsen, der Bassist Raphael Sigling (ein ehemaliger Regensburger Domspatz) hatte große dramatische auffahrende und dreinfahrende Kraft in den Arien, die die folternden Geißeln und Höllenflammen beschwören. Mitfühlender Mutterschmerz klang im weittragenden helltimbrierten Sopran von Flore van Meersche und füllig und gefühlstief strömte der Alt von Rita Kapfhammer.

„Quando copus morietur“ heißt es am Schluss: Wenn der Leib einst sterben wird. Wie der Körper sinkt, sinken da auch die Gesangslinien hernieder und sinken nochmal tief in die Trauer, bis der Chor strahlend-gläubig die Paradiesesherrlichkeit erhofft, eingewoben darin die paradiesischen Koloraturen der Sopransolistin.

In der Passionszeit muss es nicht immer eine Bach-Passion sein, wenn ein „Stabat mater“ gesungen wird, muss es nicht immer das von Pergolesi sein: Die Innphilharmonie hat alles richtig gemacht

Veröffentlicht auf OVB Online am 11.04.2019