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Ouvertüre statt Oratorium

OVB vom 16.12.2015:

Weihnachtskonzert des Musikvereins Rosenheim im Kultur- und Kongresszentrum

Kein Weihnachtsoratorium gab’s, immerhin aber eine Weihnachtsouvertüre: Der Musikverein Rosenheim mit seinem künstlerischen Leiter Thomas J. Mandl hat bei seinem Weihnachtskonzert im sehr gut gefüllten Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum ein ungewöhnliches Programm präsentiert: zwei Orchesterwerke, zweimal das „Magnificat“ und einmal ein „Ave Maria“. Alles ist natürlich im Weihnachtsgeschehen verankert, bietet aber nicht unbedingt das, was man so „weihnachtlich“ nennt.
Das Concerto grosso op. 6 Nr. 8 von Arcangelo Corelli schmückt deswegen so oft Weihnachtskonzerte, weil sein Schlusssatz mit seinem wiegenden 12/8-Takt von der Hirtenmusik inspiriert ist, er verlischt im Pianissimo – als wenn die Hirten auf dem Felde sich auf Zehenspitzen vom schlafenden Christuskind schleichen würden. Thomas J. Mandl dirigierte großbogig und höchst animierend, arbeitete deutlich den Wechsel von gespannter Langsamkeit und energischer Schnelligkeit heraus und setzte kräftige dynamische Akzente. Das Orchester arbeitete ihm dankbar entgegen, produzierte einen sämig-breiten und strömend-satten Klang, vor allem verkitschten die Musiker nicht den Weihnachtssatz, sondern blieben beschwingt und freudig.
Die „Weihnachtsouvertüre über den Choral ‚Vom Himmel hoch‘“ von Otto Nicolai beginnt, nach einem Fanfarenstoß, mit – wie es im Programmheft heißt – tiefen d-Moll-Seufzern der Geigen, bis, nach langem Orchesterwühlen und einer festlichen Fuge, der Choral anhebt, in den dann der Chor jubelnd einfällt: ein immer wirkungsvolles Stück. Das Orchester des Musikvereins legte sich fest ins Zeug, von Mandl immer wieder angefeuert, der vielleicht das Anfangswühlen noch ängstlicher, geheimnisvoller hätte anlegen können. Mandl hatte davor schon den Chor die Bach’sche Choralvertonung singen lassen, jetzt jubelte der Chor freudig über die „neue Mär“.
Er war freudig, aber nicht ganz durchschlagkräftig. Der Chor scheint sich vermindert zu haben, er füllte das Podium nur zu zwei Drittel. Er durfte sich wieder auch a cappella präsentieren, mit der Motette „O magnum mysterium“ von Thomás Luis de Victoria. Ohne Kirchenhall tut sich da jeder Chor schwer, auch die glühende Mystik des spanischen Komponisten blieb im Bemühen des Chors stecken, der vor allem vom pathosgesättigten Bass dominiert wurde, wohingegen die Tenöre fast unhörbar blieben.
Wohler fühlten sich die Sänger in den übrigen drei Chorwerken: Im „Magnificat“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, das der schon mit 13 Jahren komponierte, glänzten sie mit jubelnden und geradezu exaltiert hüpfenden Chorkoloraturen, passend zu dem „Exultavit“, das so viel bedeutet wie „sich übermäßig freuen“. Im „Et misericordia“ malten die Sänger mit breit-barockem Pinsel die dissonanten Akkordblöcke und am Ende stürmten sie vehement durch die komplizierte Schlussfuge. Aber gegen das Orchester mit seiner reichhaltigen und farbigen Bläserbatterie und seiner manchmal wildbewegten Erregung konnten sie sich nicht recht durchsetzen.
Mit teilweise schön abgerundetem Chorklang riefen sich die Sänger im „Ave Maria“ von Felix Mendelssohn Bartholdy gegenseitig im Wechselgesang die Bitten zu, im „Magnificat“ von Franz Schubert, mit dem das Konzert endete, herrschte Feierlichkeit und Festlichkeit.
Bei den Solisten überzeugte Katharina Gruber-Trenker mit schnörkelloser Präzision. Der Bassist Michael Doumas dagegen blieb ziemlich eindimensional und sang über seine Koloraturen ziemlich hinweg, der für den erkrankten Tenor Markus Herzog eingesprungene Ulfried Haselsteiner hatte große Mühe mit seinen hochangesetzten Ave-Maria-Rufen. Die junge Katharina Maria Bauer ersang sich dafür mühelos die Sympathie des Publikums mit ihrem mädchenhaft schön timbrierten und natürlich klingenden Sopran, mit dem sie ihre „Demuts-Arie“ im „Magnificat“ gestaltete.
Das Publikum geizte nicht mit Applaus für dieses ungewöhnliche Weihnachtsprogramm und überschüttete insbesondere den Chor mit Sympathiebekundungen. Im nächsten Jahr gibt es dann wieder das Weihnachtsoratorium von Bach.